Alice Creischer

L'atelier de la peintrice (2000)

AliceCreischer: L'atelier de la peintrice (2000)

Installationsansicht der Eröffnungsausstellung
Foto: Kunstraum der Universität Lüneburg

» Vergrößerung
» Bild in Druckqualität (300 dpi)

1855 malte Gustave Courbet ein Atelierbild, eine, wie er sagte, "reale Allegorie" der Malerei. Dem Konzept nach hatte dieses Bild den Anspruch, die Immanenz der Malerei durch Malerei zu durchbrechen. Auf der bloßen Bildoberfläche ist ein solches Unterfangen nicht zu leisten, daher schuf Courbet mit dem Bild auch einen Kontext, der es lesbar macht beziehungsweise die Allegorie "realisiert". Er entwarf einen Pavillon, genannt "Der Realismus", den er auf der Pariser Exposition Universelle als Gegenpavillon errichtete, als Pavillon gegen Ideologie. Dieser Pavillon war zwar der Malerei, nicht aber dem Bildraum äußerlich: Das Ganze bildete ein Ensemble. Anders als der white cube, welcher die Kunst mit NICHTS versorgt, gab "Der Realismus" der Malerei eine Grundlage, die einerseits NICHTS war, eben ein white cube, der das Getöse der Propagandamaschinerie Expo unterschlug. Andererseits ließ diese Grundlage nicht den mindesten Zweifel daran aufkommen, dass dieses NICHTS kein machtfreier Raum ist. Courbet malte sich als zentrale Figur in seinem Atelier, während er an einer Landschaft malt. Hinter ihm steht eine nackte Muse, ein Hinweis auf die notorische Abhängigkeit männlicher Subjektivität von dienstbereiten Frauenkörpern. Lose Gruppen rechts und links bevölkern das Atelier, das als Produktionsstätte und gesellschaftlicher Schauplatz gelesen werden will. Da sind die Freunde, darunter Baudelaire, aber auch die Feinde, wie der Minister de Persigny, der den Staatsstreich durch Napoleon III. angezettelt hatte, mit dem die Republik ihr Ende und die Monarchie ihren Neuanfang nahm. Im Hintergrund dieser globalen Vision begegnen uns noch Vertreter verschiedener nationaler Befreiungsbewegungen, darunter, aus Russland, Bakunin.

Knappe 150 Jahre später beansprucht eine gewisse Alice Ohneland [1] jene "reale Allegorie" als Grundlage, um die Machtverhältnisse der Berliner Republik zu kartografieren. Ihre Personengruppen rekrutieren sich aus den Charaktermasken von heute, den Kohls, Schilys, Tietmeyers, der Expo-Chefin Breuel, den Henkels und Walsers. Am rechten Bildrand, an Baudelaires Stelle, sitzt die befreundete Poetin Sabeth Buchmann. Im Gegensatz zu Courbet, der den Pinsel schwingt, malt sich Ohneland nicht als Souverän der Repräsentation. Sie trägt Kopfhörer, während sie an ihrem Schreibtisch eine merkwürdige Abbildung der Berliner Siegessäule durch eine Lupe besieht. Es handelt sich um den Entwurf, mit dem das Ästhetisch-Unbewusste Deutschlands das neue Jahrtausend zu begrüßen gedachte: Die Siegessäule als Lichterdom (eine in ihrer Art geniale Überblendung von Speer'scher Reichsparteitagsmagie und den Himmel über Berlin abtastenden Flakscheinwerfern). Ohneland betrachtet den Lichterdom, doch im Spiegel ihrer Wahrnehmung, der  Lupe, zeigt sich ein ganz anderes Monument: die von den Kommunarden 1871 gestürzte Vendôme-Säule. Die in Kontemplation versunkene Künstlerin spielt offenbar mit dem Gedanken, die Berliner Siegessäule zu stürzen, deren vergoldete Kanonenrohre ein Geschenk der französischen Regierung sind – für die preußische Militärhilfe bei der Zerschlagung der Commune.

Mit dem Hinweis, dass Courbet, der oberste Verwalter der Pariser Kunstschätze während der Commune, später für den Sturz der Vendôme-Säule verantwortlich gemacht und ins Exil gejagt wurde, breche ich meine tour de force durch die politische Ikonografie ab. So wie abstrakte Malerei abstrakt zu bleiben droht, so droht referentielle Malerei referentiell zu bleiben. Wir aber wollen die Tulpenblätter und das Rot. Wir wollen das Bild, das sich vom Bild ablöst. Wir wollen die Projektion. Ohnelands Bild ist auf Transparentfolie gemalt. Durch jene Partien, die auf der Oberfläche ausgespart wurden, fällt wie bei einem Kirchenfenster Licht, das auf die Wand hinter dem Bild ein Bild malt. Diese Lichtmalerei erzeugt eine kleine Figur, die Kaninchen aus dem Zylinder zaubert. T.J. Clark schreibt, übrigens in einer Studie über Courbet, dass die Welt der Politik nicht unbedingt eine diskursive Welt ist: "Es gibt eine Politik, die wortlos ist, so wie Hunger oder Gier wortlos sind. Oft mündet sie in eine wortlose Geste – eine Sense auf der Schulter, ein brennendes Heubündel, eine Barrikade. Auf diese Form von Politik ist die Künstlerin aus; sie unterscheidet zwischen Ideologie und den Tatsachen, die diese Ideologie zu beschreiben sucht."[2] Es ist die wortlose Geste, welche die Kaninchen aus dem Zylinder zaubert. Politique pure, Malerei ohne Malerei, macht aus NICHTS Etwas.

[1] Das Bild von Alice Ohneland alias Alice Creischer enstand im Rahmen der Ausstellung Dinge, die wir nicht verstehen (Generali Foundation Wien, 28.01. - 16. 04. 2000, kuratiert von Roger M. Buergel und Ruth Noack). Vgl. auch den Katalog Dinge, die wir nicht verstehen, hg. von Roger M. Buergel und Ruth Noack, Wien und Köln 2000.

[2] T.J. Clark, Image of the People: Gustave Courbet and the 1848 Revolution, London 1982, S. 161.

Roger M. Buergel

- - -
Quelle: http://dieregierung.uni-lueneburg.de/creischer.php