Ines Doujak

Boxes (2001)

Ines Doujak: Boxes (2001)

Installationsansicht der Eröffnungsausstellung
Foto: Kunstraum der Universität Lüneburg

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Nach Foucault kann der Eintritt des Lebens in die Geschichte als Geburtsstunde der Moderne verstanden werden. Sowohl der individuelle Körper als auch die gesellschaftlichen Prozesse, die nun als biologisch determiniert aufgefasst werden, sind im 19. Jh. Gegenstand der modernen Regierungsrationalität. In der Moderne wird demnach der gesellschaftliche Handlungsraum nicht mehr bloß als Effekt ökonomisch-rationaler Beziehungen aufgefasst, sondern als natürlicher Lebensraum definiert, der gegenüber inneren und äußeren Gefahren verteidigt werden muss.

In der Perspektive der modernen Biomacht lassen sich diese gesellschaftlichen Gefahren nur in rassistischen Kategorien identifizieren. Physiognomische Eigenschaften, die den "ursprünglichen" Erscheinungsbildern "gefährlicher Menschentypen" zugeordnet werden, führen so zu gesellschaftlichen Stigmatisierungen und Ausgrenzungen. Nach Foucault ist der biologistische Rassismus dem Geflecht des modernen Wahrheitsregimes immanent, dessen Kontingenz nur durch eine kritische Haltung sichtbar gemacht werden kann.

Ines Doujaks Arbeit greift in vielfacher Weise den Kontingenzcharakter der Moderne auf: Vor dem Hintergrund der‚Specific Objects' des Minimalisten Donald Judd lassen sich Doujaks Schachteln als Objekte lesen, die erst durch ihre Relationalität und formale Übereinstimmung eine willkürliche aber situativ gültige Wahrheit erschaffen. Doujaks Arbeit repräsentiert so die theatralische Dimension von Wahrheitsregimen.

Die bildliche Darstellung des bestimmten Typisierungsprofils, nämlich das eines orthodoxen männlichen Juden, verweist nicht nur auf die an Wahrnehmungskonventionen gebundene Dimension der fotografischen Aufzeichnung, sondern auch auf die Relationalität und Kontingenz rassistischer Zuschreibungen.

Die Frage nach der Funktionsweise des Antisemitismus kann jedoch nicht so eindeutig geklärt werden, wie es zunächst erscheint. Die Typisierung des orthodoxen Juden operiert nicht nur über die scheinbar offensichtlichen körperlichen Merkmale der Beschneidung und des angeblich typischen Nasenschnitts, sondern ebenso über die weiße Hautfarbe. Vor dem Hintergrund einer Variante des Rassismus, die die Hautfarbe und nicht die inneren, religiösen Merkmale als zentrale Unterscheidungskategorie verwendet, führt dieses Typisierungsmodell unweigerlich zu Paradoxien.

Sophia Prinz

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Quelle: http://dieregierung.uni-lueneburg.de/doujak.php