Harun Farocki

Filmsequenz aus "Die Schöpfer der Einkaufswelten" (2001)

Harun Farocki: Filmsequenz aus "Die Schöpfer der Einkaufswelten" (2001)

Installationsansicht der Doppelprojektion im hinteren Raum in der Ausstellung Die Universität ist eine Fabrik
Foto: Eva Kristina Schubert

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Es muss ein Rollenspiel sein, ein antikes Drama mit Chor und Sprechern: Eine Gruppe Männer hat sich in einem Halbrund um den Gegenstand der Auseinandersetzung postiert – um ein Brotregal. Drei Sprecher sind dabei, den Konflikt des Stücks sprachlich zu entwickeln – sie debattieren aufgeregt um die angemessene Verteilung einer Unmenge von Brotsorten im begrenzten Platz des Regals. Der Chor begleitet und verstärkt das Geschehen mimisch und gestisch. Standlieder formen sich aus murmelndem Bejahen und stirnrunzelndem Bedenken, aus dem unbeholfenen Hin- und Herschichten von Backwaren, durch das Rascheln mit plastikverpacktem Brot. Die Auseinandersetzung wogt hin und her und entfaltet die Tragikkomödie vor den Augen der Zuschauer. Ganz im Sinne des pädagogischen Ziels der Katharsis können wir unseren Affekten freien Lauf lassen, uns peinlich berührt winden, die Aufplusterung des nichtigen Gegenstands verhöhnen und uns amüsieren über das absurde Geschehen in diesem Supermarkt-Hinterraum, um so moralisch gestärkt hervor zu gehen und dem eigenen, vergleichsweise leicht zu ertragenden Schicksal die Stirn zu bieten. Schließlich sind es die anderen, die Supermarkt-Hinterzimmermänner, die diese lächerliche Einarbeitung von Marketinggesetzen vornehmen, um im großen Spiel des Marktes mitspielen zu dürfen – und nicht wir!

Aber was die Männer da oben tun verlässt die vom Zuschauerraum sorgfältig getrennte Bühne und sickert zwischen die Stuhlreihen. Denn während sie den Gegenstand hin und her wenden, machen sie ihn sich auch zu Eigen, sie formen Brot und Regal in einer persönlichen Interpretation abstrakter Logiken. Das Ergebnis ist eine konkrete Form, ein materialisierter Kompromiss aus Marketinggesetz und individueller Aneignung, die zu den Konsumenten spricht, die jenseits der Bühne im Supermarkt auf Backwaren warten. Können wir Zuschauer, Konsumenten, Supermarktbesucher uns sicher sein, dass sämtliche „Brotregale“, die allgegenwärtigen Manifestationen verkäuferisch verdichteter Konsumentenmarktlogik, an uns abprallen und ihre Wirkung gänzlich verfehlen?

Wir bekommen in diesem Drama eine unverzichtbare Rolle zugewiesen, die es zu einer Tragödie von der Totalisierung des Marktes werden lässt. Sprecher und Chor illustrieren lediglich, wie wir uns in dieser Totalität zurecht zu finden versuchen. Michel Foucault hat dies in seiner Machtanalyse mit Selbstführung umschrieben – die mühevolle Aneignung von Techniken, mit denen wir uns externe Logiken als die unsrigen schmackhaft machen.

Wanda Wieczorek

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Quelle: http://dieregierung.uni-lueneburg.de/farocki.php