Abschluss-Workshop Die Regierung

Freitag, 13. und Samstag, 14. Januar 2006
Campus der Universität Lüneburg

Konzept: Sophia Prinz

"Die Regierung" suchte nach inhaltlichen und formalen Anregungen, um das weite Feld von Kunst und Politik neu abzustecken. Diese Anregungen aufzugreifen und zu systematisieren ist Ziel des Abschluss-Workshop. Eine der entscheidenden Inspirationsquellen der Ausstellung - die Theorie der Gouvernementalität des französischen Philosophen Michel Foucault - dient auch dem Workshop als Leitmotiv. Das bedeutet jedoch nicht, dass der breiten akademischen Foucault-Exegese eine weitere Interpretation angegliedert werden soll. Vielmehr geht es darum, am Beispiel der "Regierungskunst" über die Interdependenzen zwischen ästhetischem und politischem Sein zu spekulieren.

Die Auswahl der Themenkomplexe, die diesem Entwurf einer "Ästhetik der Gouvernementalität" zugrunde liegen - Wissen und Bildung, Reinstitutionalisierung der Kritik, ästhetischer Affekt, filmische Narrativität und ästhetische Relationalität - leitet sich ausnahmslos aus der konkreten kuratorischen Arbeit ab.
Aus diesem Grund werden TheoretikerInnen aus unterschiedlichen Kontexten eingeladen, die direkt oder indirekt mit der Ausstellung in Berührung gekommen sind und/oder - wie etwa Kaja Silverman - entscheidende intellektuelle Impulse für die Umsetzung geliefert haben. Diese AutorInnen werden gebeten, sich entweder direkt zu den speziellen Themenkomplexen zu äußern oder einzelne Ausstellungen im Hinblick auf eines dieser Problemfelder zu befragen. Im Folgenden werden die einzelnen Themenkomplexe sowie deren Einbettung in die gesamte Argumentationslinie kurz skizziert.

Michel Foucaults machtanalytische Theorie der ‚Regierung' unterscheidet sich von seinem frühren Paradigma der Disziplinarmacht vor allem in einem wesentlichen Punkt: es begründet die relative Freiheit des Subjekts als eine Voraussetzung der Machtausübung.
Der Regierung liegt an keinem vollständig unterworfenen Subjekt, das sich die disziplinarischen Imperative ohne Umschweife einverleibt oder blutig revoltiert. Macht wird vielmehr indirekt, subtil ausgeübt - im Sinne von Führung. Macht ist Handeln, das andere Handlungsmöglichkeiten, die Handlungsmöglichkeiten Anderer vorzeichnet. Dabei werden bestimmte Wissensformen, Wahrnehmungsweisen und Selbstbilder als plausibel ausgewiesen, andere scheinen dagegen unmöglich, und wandern dementsprechend ins Abseits kultureller Unsichtbarkeit oder werden pathologisiert. Dem Subjekt steht innerhalb des gouvernementalen Rahmens also ein Spielraum zur Verfügung, und es kann sich zwischen konformen und weniger konformen Handlungen entscheiden. Eine kritische Haltung macht sich diesen Spielraum zunutze, um die zumeist verborgenen Mechanismen unserer (Selbst-) Führung ans Licht zu bringen. Sie wird nur wirksam, wenn sie sich innerhalb von Handlungsräumen äußert und sich an den Gesetzen der Gouvernementalität reibt. Kritik steht somit nicht außerhalb der Machtverhältnisse, sondern ist die Kunst, nicht dermaßen regiert zu werden [1].

Das Konzept von Regierung als Handlung im Hinblick auf andere Handlungen (die Handlungen Anderer) bildet den analytischen Ausgangspunkt, von dem aus die Technologien des Selbst und die Wissensproduktionen auf ihre ästhetische Dimension hin befragt werden. Wie sind die Wahrnehmungscodes gouvernementaler Handlungsräume beschaffen? Wie lässt sich in diesem Sinne eine Kritik des Visuellen denken?
So könnte man annehmen, dass Regierungshandeln stets auf die Sichtbarmachung oder Verdunkelung bestimmter "Evidenzen" ausgerichtet ist - Regierung macht (sich selbst in einer bestimmten Weise) sichtbar. Tatsächlich operiert Regierung in den strukturellen Grauzonen zwischen Selbst- und Fremdführung, suggeriert zugleich aber klare Grenzen zwischen Schwarz und Weiß, Schatten und Licht, Gut und Böse.
Dafür liefert Ambrogio Lorenzettis "Allegorie der guten und der schlechten Regierung" (1339 Palazzo Publico, Siena) - an allen fünf Stationen der "Regierung" präsent - ein eindringliches Beispiel. Lorenzettis malerische Vision von den Auswirkungen des Regierens auf das alltägliche Leben und den gemeinschaftlichen Zusammenhalt ist allerdings nur ein - wenn auch recht anschaulicher - Ausdruck für die ästhetische Durchdringung des Regierungshandelns beziehungsweise der gouvernementalen Durchdringung des Sichtbaren.

Nun ist die Verbindung von Ästhetik und Politik nicht nur durch ein abbildhaftes Repräsentationsverhältnis charakterisiert, sondern muss vielmehr in den strukturellen oder gar ontologischen Tiefen der Gouvernementalität selbst gesucht werden. Mit Verweis auf die Foucaultsche Behauptung einer totalen Immanenz von Wissen, Macht und Subjektivität, ließe sich vermuten, dass das Ästhetische und Politische in einer ähnlichen Weise aneinander gekoppelt sind. Dass also die klassische Trennung von Kunst und Politik für eine strukturelle Analyse der gegenseitigen ontologischen Bedingtheit von Sehen, Sichtbarkeiten und Macht nicht brauchbar ist. Im Workshop werden theoretische Ansätze versammelt, die ein in diesem Sinne ganzheitlicheres Konzept verfolgen. Welche Konsequenzen sich daraus sowohl für die gesellschaftliche als auch die ästhetische Bedeutungsproduktion und, irgendwo dazwischen, die kuratorische Praxis ergeben, wäre zu diskutieren.

1. Ästhetische Erfahrung im Gegensatz zu Macht-Wissen

Die subjektive Erfahrung ist sowohl in der Kunst als auch auf der Ebene der Regierungshandlungen gleichermaßen präsent. Diesem ganz körperlichen und durchaus verstörenden Zusammenprall von Leben und Welt wird zumeist mit Wissensproduktion Einhalt geboten. Das Wissen begrenzt und strukturiert den gouvernementalen Handlungsraum, indem es bestimmte Lebensformen als richtig und andere als sinnlos oder gar pathologisch charakterisiert. Heutzutage sind es zum Beispiel Schlagworte wie "Selbstoptimierung", "Effizienz" und "Flexibilität", die den Ton angeben und ein privatisiertes Ausbildungssystem rational erscheinen lassen. Auch wenn die Kunst in letzter Zeit als role-model eben dieser Parolen in Verruf geraten ist, provoziert sie im Gegensatz zu neoliberalen Rationalisierungsversuchen nicht eine materielle, sondern eine intellektuelle Prekarisierung des Subjekts: sie untergräbt die gouvernementalen Selbsttechnologien und Identitätsmuster durch den Schock des ‚Nicht-Verstehens'. Ästhetische Vernunftkritik betritt dabei einen schmalen Grad: die Balance zwischen Zeichenhaftigkeit und Nicht-Bedeutung muss gewahrt sein, damit eine Kritik des Wissens wirksam werden kann. Es kann also nicht darum gehen, dass sich die Kunst im Jenseits des Macht-Wissens verliert. Vielmehr liegt das kritische Potential der Kunst darin, dass sie sich in einem Schwebezustand der latenten Bedeutsamkeit befindet, dass sie zum Beispiel lesbare Zeichen ihrer Eindeutigkeit beraubt oder sie in unlesbare Zusammenhänge stellt.
Ließe sich so eine andere Form von Bildung vorstellen? Eine, die sich aus der Unabschließbarkeit der ästhetischen Erfahrung speist?

ReferentInnen: Antke Engel, Wanda Wieczorek, Ulf Wuggenig

2. Die Institutionen der Gouvernementalität

Globale institutionelle Formate, wie etwa das Museum oder die Galerie bedeuten an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten etwas anderes. Folglich lassen sich die institutionskritischen Gesten weder wiederholen noch auf andere Kontexte applizieren. So erschien es im Europa der 70er Jahre als unverständlich oder reaktionär, sich einer klassischen musealen Struktur zur Artikulation kritischen Widerstands zu bedienen. Demgegenüber mag das lokale Museum in der gentrifizierten Peripherie Barcelonas derzeit der einzige Ort sein, von dem aus eine kritische Argumentation gefestigt werden kann. Vor diesem Hintergrund muss die Rolle des lokalen Museums neu überdacht werden - im Sinne eines Mediums, das ein nicht-hegemoniales lokales Wissen institutionalisiert und alternative Kollektivierungen zu erschaffen vermag.

ReferentInnen: Inka Gressel, Joan Roca

3. Wie uns die Welt erscheint: der ästhetische Affekt

Nach Kaja Silverman vermag erst ein begehrendes Sehen die Welt erscheinen zu lassen. Um sichtbar zu werden ist die Welt davon abhängig, dass das Subjekt eine affektive Bindung zu ihr eingeht. Diese Verbindlichkeit tritt aber nur dann ein, wenn das sehende Subjekt in der Welt der Phänomene das wiedererkennt, was Freud und Lacan "das Ding" genannt haben. Die sinnliche Begegnung zwischen Subjekt und Welt hat demnach immer eine ethische Dimension. Ein Subjekt, das sich der sichtbaren Welt öffnet und seine eigene Symbolsprache des Begehrens zu sprechen beginnt, wird zum ‚worldspectator'. Nach Silverman wohnt dieser individuellen, psychischen Aktivität eine alternative gesellschaftliche Form inne - eine, die auf der Mitteilung und Kollektivierung der subjektiven Sichtweisen beruht [2].
Es ist reizvoll, Gouvernementalität unter dem Gesichtspunkt des Begehrens zu betrachten. Angenommen, Subjekt und Objekt bilden sich kraft dieser fantasmatischen Bindung wechselseitig aus - müsste man da nicht von der Vorstellung absehen, dass Regierungshandlungen von diesem oder jenem Subjekt (Objekt) ausagiert werden? Sollte man vielleicht stattdessen davon ausgehen, dass Regierung in einem Dazwischen anzusiedeln ist, in der Hohlform, die sowohl Objekt als auch Subjekt, "Figure and Ground" gleichermaßen modelliert? Ist etwa die vorbehaltlose Bejahung einer affektiven Offenheit der einzige Weg, um eine gouvernementale Paranoia zu behandeln? Und was wäre die Methode einer solchen Behandlung - das Ausstellen von Dingen, die anzeigen, wie sie gesehen werden wollen?

ReferentInnen: Kaja Silverman, Molly Nesbit

4. Kinematographische (Handlungs-) Formen

Sowohl das Moment der Affektion als auch die Vorstellung der Handlung legen nahe, dass die Wahrnehmungsform nicht statisch ist, sondern sich in einem ständigen Prozess befindet. Hat die gouvernementale Bilderwelt, mit anderen Worten, einen filmischen Charakter?
Im Falle der bewussten Affektion liegt ein solcher Vergleich nahe: Mit jedem neuen Objekt, das ,das Ding' in der Gegenwart reinkarniert, verändert sich unsere gesamte subjektive Sprache des Begehrens - unser Sehen und die sichtbaren Objekte transformieren sich.
Im Gegensatz zu dieser relativ freien, selbstbestimmten Bilderflut tendieren die heutigen Gouvernementalitäten zu einer politischen Choreographie, die sich die ehemals avantgardistischen Bildtechniken - wie etwa die Montage - längst zu eigen gemacht hat. Diese unendlich flexibilisierte ‚dominant fiction' hält aber dennoch an mindestens einer klassischen Erzählfigur fest: dem Akteur oder Protagonisten. Dieser Akteur, dessen unhintergehbare Individualität herausgestellt wird, scheint der ideologischen Funktion von Standbildern zu entsprechen. Es ist an der Zeit, sich von einer kritischen Haltung zu verabschieden, die es einzig auf die Bruchstellen und Risse der ‚dominant fiction' abgesehen hat. Vielleicht sollte man sich wieder der konsistenten Schilderung zuwenden, um von den strukturellen Zusammenhängen erzählen zu können, die der Handlung (im Hinblick auf andere Handlungen) zugrunde liegen.

ReferentInnen: Hito Steyerl, Rike Frank

5. Ästhetische Relationalität als Gesellschaftsform?

Auch Leo Bersanis Theorie der ästhetischen Relationalität beschäftigt sich mit dem Modus der Verbindung von menschlichem Sein und Dingwelt [3]. Im Gegensatz zu Kaja Silverman ist Bersani jedoch anti-psychoanalytisch ausgerichtet. Er konzentriert sich auf eine rein formale, unpsychische Relationalität von Farben und Formen, um die notwendige Begrenztheit der individuellen Identität theoretisch zu überwinden.
Ein Vergleich zwischen Bersanis Unhintergehbarkeit der ästhetischen Relationalität und der Foucaultschen These einer vollständigen Immanenz der Macht (es gibt kein außerhalb der Gouvernementalität) könnte durchaus fruchtbar sein.

ReferentInnen: Dieter Lesage, Sophia Prinz


Diese fünf Themenfelder sind nicht nur deshalb bezeichnend, weil sie der Regierung einen erzählerischen Rahmen geben, sondern auch, weil sie ihr ein Ende setzen. Zwar lassen sich diese Motive mehr oder weniger aus den Ausstellungen und den sich darum rankenden Debatten ableiten, aber in erster Linie helfen sie uns, den Blick über die Regierung hinaus zu werfen. Wenn sich Bedeutung tatsächlich nur relational ausbildet und eigentlich nichts mit den Dingen gemein hat, von denen sie verkörpert wird, so kann die Ausstellung als ein Anfang angesehen werden, den Komplex Bildung neu zu fassen. Als eine Bildung, die jegliche disziplinäre Grenzen zwischen dem Wahrheitsregime und dem Regime der Schönheit ignoriert und statt dessen die Ähnlichkeiten von politischen, ästhetischen und ökonomischen Phänomenen betont, die wegen ihrer historischen, geographischen oder epistemologischen Differenzen bisher als unvergleichbar erschienen.

[1] vgl. Foucault, Michel: Was ist Kritik?, Berlin 1992, S. 12
[2] vgl. Silverman, Kaja: World Spectators, Stanford 2000
[3] vgl. Bersani, Leo: Forms of Being, London 2004

 

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Quelle: http://dieregierung.uni-lueneburg.de/finalworkshop.php