Jean-Luc Godard

Filmsequenz aus "Tout Va Bien" (mit Jean-Pierre Gorin, 1972)

Jean-Luc Godard: Filmsequenz aus "Tout Va Bien" (mit Jean-Pierre Gorin, 1972)

Installationsansicht der Eröffnungsausstellung
Foto: Kunstraum der Universität Lüneburg

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Die Supermarkt Szene aus dem Film Tout va bien (Alles in Butter) von Jean-Luc Godard und Jean-Pierre Gorin aus dem Jahre 1972 stellt im Kontext der ersten Ausstellung der REGIERUNG die Frage nach dem Blick als ordnendem System, als Mittel der Machtausübung.

Sie besteht aus einer einzigen ca. zehnminütigen Einstellung, in der die Kamera in gleichbleibender Position und Perspektive einen Supermarkt parallel zu der Reihe der Kassen abfährt. Dabei gewährt die Kamera der BetrachterIn einen Blick in die Tiefen der Gänge mit ihrer schier unermesslichen Auswahl an unterschiedlichen Produkten, aber auch auf die BenutzerInnen dieses Supermarktes - die KonsumentInnen. Eine junge Frau, eine Journalistin, "begleitet" die Kamerafahrt durch den Supermarkt. Sie beschreibt und kommentiert als Stimme aus dem Off die Ereignisse, die dort stattfinden.

Dominierende Geräusche sind das Rattern der Kassen und das penetrante Klingeln der Werbedurchsagen, gemischt mit sinnentleerten Schlagwörtern, mit denen ein Vertreter der Kommunistischen Partei an einem Stand sein Buch zur "Kursänderung mit der Kommunistischen Partei" für ein besseres Leben - natürlich preisreduziert - anpreist. Ein großes soziales Theater, wie die Journalistin aus dem Off anmerkt, bei dem alle brüllen, nur das Publikum, die KonsumentInnen, nicht. Sie schweigen und warten auf neue DarstellerInnen, die nicht nur zu sondern auch mit ihnen sprechen.

An dieser Stelle kommt es zum Bruch mit der "Normalität", der Alltäglichkeit. Die neuen DarstellerInnen tauchen auf, schwärmen - noch schweigend - in den Supermarkt aus. Eine hitzige Diskussion mit dem Vertreter der Kommunistischen Partei beginnt, bei der wie Godard es in seinem Film Le Gai Savoir von 1968 formuliert, "wir [in diesem Fall die KonsumentInnen] nicht mehr bereit [sind], irgendwelche Wahrheiten, die sich scheinbar von selbst verstehen, zu akzeptieren. Wir glauben nicht, dass es solche Wahrheiten überhaupt gibt." [1]. Das Chaos, der Ausnahmezustand, beginnt mit dem Aufruf "Zahlen Sie nicht! Alles ist gratis!". Das Knattern der Kassen verstummt, das Publikum schweigt nicht mehr, sondern brüllt nun seinerseits. Alle greifen sich wahllos Waren aus den Regalen und stürmen gemeinsam mit ihren vollen Einkaufswägen durch den Supermarkt. Seinen Höhepunkt findet das Ganze in dem Zusammenstoß mit den herbeigerufenen Polizisten, die mit Lebensmitteln beworfen, die inzwischen "nicht- mehr- KonsumentInnen" mit Schlagstöcken durch den Supermarkt jagen, wobei sie selbst der Versuchung der "freien Verfügbarkeit" der Waren nicht widerstehen und sich ebenfalls aus den Regalen bedienen.

Für uns von besonderem Interesse sind genau die Momente des Bruches, denn in diesen Momenten ist die Kamera nicht mehr nur technischer, maschineller Apparat der Dokumentation, der Beobachtung. Sie wird selbst zu einem die Handlung konstituierenden Moment und zwar im Zusammenspiel mit der ebenfalls scheinbar nur beobachtenden Journalistin. Es kommt zu einer Gleichzeitigkeit zwischen Aktion, Beobachtung und Kommentar, die nicht mehr zu unterscheiden erlaubt, wer wen oder was bedingt. Die Kamera selbst konstituiert hier ihre Subjekte und damit auch ihr Publikum. Der Blick und das Blickregime werden als Produzenten von ideologischen Ordnungsstrukturen sichtbar. Die Wahrnehmung wird ermächtigt, sie wird zurück in den Aktivismus geholt. Das verändernde Potential des Blickes wird deutlich: Nicht mehr nur das "Hand anlegen", sondern auch das "Auge anlegen" zählt.

Ein weiterer Aspekt, der durch die Godard'sche Filmsequenz in DIE REGIERUNG getragen wird, ist der Supermarkt als Ausstellung. Sowohl in einer Ausstellung als auch im Supermarkt stellen Ordnungssysteme als Optimierungskonzepte der Präsentation ein zentrales Moment dar, wobei es im Supermarkt um ökonomische Ziele, in der Ausstellung dagegen - zumindest im idealen Fall - um Lesbarkeiten mit Hilfe der Wahrnehmung geht. Bei beiden also wiederum um die Konstituierung von Publika.


[1] Nach: Silverman, Kaja; Farocki, Harun: Von Godard sprechen, Berlin 1998, S.148.

Sonja Parzefall

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Quelle: http://dieregierung.uni-lueneburg.de/godard.php