Kunstraum der Universität Lüneburg Museu d'Art Contemporani de Barcelona | Miami Art Central | Secession Wien | Witte de With Center for Contemporary Art Rotterdam

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13. und 14.01.2006
Abschluss-Workshop
Lüneburg
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29.04.- 19.06.2005
Ausstellung
Be what you want but stay where you are
Rotterdam
» Witte de With
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24.02. - 24.04.2005
Ausstellung
Paradiesische Handlungsräume
Wien
» Secession
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29.11.2004 - 30.01.2005
Ausstellung
How do we want to be governed? (Figure and Ground)
Miami
» MAC
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22.09. - 07.11.2004
Ausstellung
Com volem ser governats?
Barcelona
» MACBA
22.09.04 Institut Barri Besòs
07.10.04 Palo Alto nau XYZ
21.10.04 Centre Cívic de La Mina
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29.04. - 20.05.2004
Ausstellung
Handlungen, die Handlungen setzen
Lüneburg
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30. und 31.01.2004
Symposion
Bildet Regierungen!
Lüneburg
 
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29.01. - 12.02.2004
Ausstellung
Die Universität ist eine Fabrik
Lüneburg
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28. und 29.11.2003
Symposion
La construcción del público
Barcelona
» MACBA
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06.11. - 13.11.2003
Eröffnungsausstellung
Lüneburg
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kulturstiftung des bundes

 

Symposion Bildet Regierungen!

Gouvernementalität jenseits von Ökonomisierung und Verwertungslogik

Freitag, 30. und Samstag, 31. Januar 2004
Gebäude 7, Raum 215
Campus der Universität Lüneburg

Konzept: Dr. Antke Engel

Früher hieß es "Bildet Banden!" oder Menschen haben sich den Kopf darüber zerbrochen, ob sie "den Weg durch die Institutionen" gehen sollen. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass die Frage, ob sich Widerständigkeit "innerhalb oder außerhalb der Institutionen" formiert, in dem Maße an Bedeutung verliert, wie die Ökonomisierung des Sozialen und des Kulturellen zum bestimmenden Moment gesellschaftlicher Machtverhältnisse wird.

"Bildet Regierungen!" hat die Idee eines "Außerhalb" der Macht aufgegeben und zögert nicht, sich ins hegemoniale Feld einzuschreiben. Doch besteht kein Interesse daran, in die bestehenden Institutionen einzutreten. Statt Partizipation zu reklamieren, könnte, so der Subtext des Aufrufs, Gestaltungsmacht beansprucht werden. Aktionsfeld sind die hegemonialen Verhältnisse - die nicht zuletzt durch die Individualisierung von sozialen Ungleichheitsrelationen und die Verabsolutierung der Verwertungslogik gekennzeichnet sind.

Worin liegt das Versprechen, worin die Provokation eines Szenarios, in dem sich die Regierungen vervielfältigen? Oder ist das eine völlig harmlose Angelegenheit? Wie reagiert die staatliche Regierung, deren Monopol angefochten wird? Begrüßt sie die Entwicklung als Ausdruck belebender marktwirtschaftlicher Konkurrenz? Lässt sie sich 'bilden' von den gebildeten Regierungen?

Hinkt der Aufruf womöglich seiner Zeit hinterher, weil sich die Regierungen längst vervielfältigt haben und die sozialen, sub/kulturellen, ökonomischen, nationalen und transnationalen Instanzen längst keiner bündelnden Kraft mehr unterliegen? Oder müssen wir davon ausgehen, dass die Ökonomisierung aller gesellschaftlichen Felder die aktuelle, und übergreifende Form der Regierungslogik darstellt? Und läge dann in der Vervielfältigung der Regierungen, der Regierungslogiken und der damit einher gehenden Handlungsformen auch ein Moment der Widerständigkeit?

Mit Foucaults Gouvernementalitätskonzept lassen sich beide Argumentationslinien verfolgen - und interessant ist womöglich gerade die Frage, wie sie ineinander greifen. Ziel des Symposiums ist es, anhand dreier Themenblöcke die Potenziale des Gouvernementalitätskonzepts für die Analyse und die Kritik aktueller gesellschaftspolitischer Entwicklungen zu durchdenken.
Wir fragen nach:

dem KREATIVEN ARBEITSSUBJEKT
der ÖKONOMISIERUNG DER BILDUNG
und der NORMALISIERUNG DER GEWALT

Was bietet uns Foucaults Gouvernementalitätskonzept, um diese drei Felder aktueller Gesellschaftspolitik kritisch zu diskutieren?

KREATIVES ARBEITSSUBJEKT Das kreative Arbeitssubjekt ist aufgefordert, genau diejenigen Fähigkeiten in den Arbeitsprozess einzubringen, die - vormals Forderungen von Seiten linker Gesellschaftskritik - als Refugien gegen Ökonomisierung und Verwertungslogik galten: Kreativität, Intellektualität, Kritik, Kommunikation als zentrale Momente künstlerischer, intellektueller und affektiver Arbeit. Dem "Kreativitätsimperativ" folgend entfalten Menschen heute als FreiberuflerInnen, Selbstbeschäftigte und Ich-Ags, aber auch auf den prekärer werdenden Angestellten-Posten ausgereifte Selbsttechnologien, um marktgerechte Subjektivitäten mit der Durchsetzung eigener Interessen und Bedürfnisse zu verbinden. Aber kann es gelingen, das Versprechen nicht-entfremdeter, selbst-bestimmter Arbeit gegen den Preis der Ausbeutung und Selbstausbeutung zu verteidigen?

Kulturwissenschaftliche Studiengänge, wie z. B. an der Universität Lüneburg angeboten, stellen eine vorbildliche Antwort der Bildungsinstitutionen auf diese Art der Anrufung dar, insofern sie anbieten, die entsprechenden Arbeitssubjekte auszubilden.

ÖKONOMISIERUNG DER BILDUNG Bildung ist das zentrale Feld, in dem die neuen ökonomischen Rationalitäten als Praxen und Selbstverhältnisse angeeignet und in Subjektivitäten übersetzt werden, die sich über die Leistungs-, Verwertungs- und Selbstverantwortungsnormen konstituieren. Das Versprechen der "Autonomie" - an die Bildungssubjekte und Institutionen - wird zum Katalysator der Ökonomisierungslogik. Bildungschancen und Bildungsziele gelten nicht länger als ein Feld politischer Aushandlung, sondern sind (so die Chancen) qua individueller Leistung zu erwerben oder (so die Ziele) als individuelle Interessen durchzusetzen. Soziale Hierarchien erscheinen dieser Logik zufolge nicht mehr als Effekte struktureller Prozesse, sondern individueller Praxen.

NORMALISIERUNG DER GEWALT Die Diskreditierung sozialer Kategorien zur Analyse von Unterdrückungsverhältnissen führt auch dazu, dass Normalisierungszwang, Ausschlüsse und Gewalt nur mehr als individualisierte Diskriminierungserfahrungen und selbst zu verantwortende Probleme thematisiert werden können. Die Produktion sozialer Hierarchien, die über die differenzielle (also an hegemoniale Bedingungen geknüpfte) Integration bestimmter Individuen oder Gruppen erfolgt, erfährt eine Normalisierung. Im Kontext von Asyl-, Migrations-, Geschlechter- und Sexualpolitiken erfolgt diese Integration als staatlich legitimierte Form der sozialen Hierarchisierung, deren Herrschafts- und Gewaltförmigkeit unbenannt bleibt.

Als ein roter Faden zieht sich die Frage durch das Symposium, wie Menschen in den drei angeführten Feldern aufgefordert sind, einerseits Differenzen zu neutralisieren ("Geschlecht, sexuelle Orientierung, Herkunft, sozialer Status ... spielen 'hier/heute' keine Rolle!") und andererseits - im Sinne eines multikulturellen Toleranzmodells - aufgefordert sind, Differenzen zu inszenieren ( 'hier' in unserer Firma, unserer Uni, unserer Gemeinde sind Differenzen nicht nur lebbar, sondern gefragt, sie machen die Attraktivität unserer Gemeinschaft aus, sie produzieren Mehrwert!")

Beide Prozesse, Neutralisierung und Fetischisierung der Differenz, verlangen den Einzelnen eine z. B. sexuelle oder ethnisierte "Mehrarbeit" ab, um soziale Teilhabe und Anerkennung zu gewinnen. Foucault würde dies unter "Technologien des Selbst" fassen - Praxen, mit Hilfe derer Menschen ihre Subjektivität formen, um den widersprüchlichen sozialen Anforderungen gerecht zu werden oder zu widerstehen.
Sie vollziehen sich im sozialen Feld der Gouvernementalität, wo Herrschaft und Subjektivität ineinander greifen und Existenzweisen der Einzelnen strukturieren: Individualisierung, Neutralisierung oder Fetischisierung wären demnach als reguliertes Handeln und als Kräfte der Regulierung des Handelns anderer zu verstehen.

"Bildet Regierungen!" kann somit vor dem Hintergrund individualistischer und lediglich "eigenverantwortlicher" Selbst- und Fremdführungen nicht allein als ein Aufruf zur widerständigen Vergemeinschaftung verstanden werden, sondern stellt die grundsätzliche Frage nach der Möglichkeit und konkreten Ausgestaltung kollektiver Willensbildungs- und Aushandlungsprozesse innerhalb eines Handlungsraums, der vornehmlich durch Einzelinteressen strukturiert wird.

Anliegen des Symposiums ist es, Handlungs- und Widerstandspotenziale auszuloten, die sich aus dieser wechselseitigen Verschränkung von Selbst- und Herrschaftstechnologien ergeben können. Inwiefern eröffnet sich mit dem Gouvernementalitätskonzept, das Regierung als die Gesamtheit der Institutionen und Praxen fasst, mittels derer "Handlungen im Hinblick auf Handlungen" organisiert werden, ein Potenzial, der neoliberalen Individualisierungs- und Ökonomisierungslogik zu widerstehen?


Vorbereitungsteam
Antke Engel, Inga Koehler, Sonja Parzefall, Sophia Prinz, Tim Schmalfeldt, Wanda Wieczorek

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